Weihnachten steht vor der Tür, ich hab´ noch kaum ein Geschenk gekauft und eine Weihnachtsfeier nach der anderen steht im Terminkalender. Eigentlich wie jedes Jahr.
Weihnachtsfeiern sind zwar gelegentlich auch ganz lustig, aber wenn´s dann drei, vier sind, hört der Spaß langsam auf. Vor allem wenn dann wirklich hauptsächlich einzig Smalltalk gemacht wird (ich dachte ja zum Beispiel die Floskel “…von Ihnen habe ich schon viel gehört” sei endlich beerdigt, aber es gibt immer noch welche, die sich damit trauen). Eine Feier habe ich in diesem Jahr nun schon hinter mir und besonders in Mode gekommen scheinen in diesem Jahr die Weihnachtsfeiern, die den klassischen Ablauf (Essen etc.) mit einer Veranstaltung bzw. einem Besuch im Theater kombinieren. So durfte bzw. musste ich mir gestern Abend Caveman antun und entkam so immerhin dem ein oder anderen Smalltalk.
Weihnachten ist aber auch die Zeit, in der man plötzlich im Briefkasten Post oder Karten von Bekannten und weit entfernten Verwandten bekommt, die man über Monate nicht mehr gesehen hat und die mit oder manchmal auch ohne hinterhältigen Hintergedanken versuchen, sich wieder in´s Gedächtnis zu rufen. Ich jedenfalls freue mich über solche symbolische Post immer sehr und antworte dann meistens auch.
Als ich heute Abend aber in den Briefkasten schaute, konnte ich einen Brief der ganz besonderen Art finden, nämlich von meinem, eine Etage unter mir wohnenden Nachbarn. So gut, dass man sich schon Weihnachtskarten schreibt, kannte ich ihn eigentlich nicht - außer das “Hallo” im Treppenhaus hatten wir uns, seitdem er vor etwa einem halben Jahr eingezogen war, auch nicht unterhalten - aber vielleicht war er auch einfach einer dieser frommen, gutherzigen Menschen wie der legendäre Ned Flanders aus der Fernsehserie “The Simpsons” und vielleicht hielt mein Nachbar es für üblich, seinen Mitbewohnern vor Weihnachten eine Karte zu schicken.
Als ich den Brief öffnete und die mit einer fürchterlichen Handschrift (meine Handschrift ist zwar auch nicht besonders ansehnlich, jedoch schreibe ich, sofern ich etwas mit der Hand schreibe, dann wenigstens in Druckbuchstaben) verfassten zwei (!) Seiten überflog, stellte sich schnell heraus, dass es sich bei meinem Nachbarn keineswegs um einen deutschen Ned Flanders handelte. Der Brief hatte auch nicht viel mit Weihnachten am Hut, sondern war einfach einer dieser bösen Beschwerdebriefe, die ich sonst nur aus klischeehaften Fernsehserien kannte.
Ich würde spät abends und hin und wieder auch am frühen Morgen die Treppe “hinunterspringen”, mein Schreibtischstuhl sei “eine bodenlose Frechheit” und selbst am Sonntagmorgen würde mein Wecker ihn gegen 06:00 Uhr aus dem Bett schmeißen. Insgesamt sei er innerhalb des letzten Monats häufiger von mir als von seinem eigenen Wecker geweckt bzw. aus dem Schlaf gerissen worden. Die weiteren Zeilen spare ich mir an dieser Stelle.
Traurigerweise musste ich meinem Nachbarn, nachdem ich den Brief zwei, dreimal gelesen hatte, sogar eingeschränkt recht geben. Wenn ich an manchen Morgen zu spät bin, renne ich wirklich den Hausflur hinunter, als würde es brennen, aber das mache ich eigentlich schon seit ich denken kann. Warum er aber erst jetzt damit ankommt und warum er mir das nicht persönlich ´mal sagen kann, kann ich nicht ganz nachvollziehen. Andere Nachbarn, mit einem bin ich auch sehr gut befreundet, hatten bislang nie Probleme mit mir. Dass er die Rollen meines Schreibtischstuhls hört, tut mir leid, dafür kann ich jedoch nichts. Auch empfinde ich meinen Wecker als nicht besonders laut, nun ja.
Es wird Zeit, dass ich umziehe, das wollte ich ohnehin - wenn alles gut funktioniert, bereits Anfang des kommenden Jahres. Jetzt ist aber erst einmal Weihnachten angesagt und immerhin, die Nachbarn im Erdgeschoss haben noch nicht ihre kitschige Weihnachtsbeleuchtung herausgeholt.